Eine geile Zeit: Mein persönlicher Heureka-Moment zwischen KI, Business und Menschsein
- Urs Treuthardt
- 7. Apr.
- 4 Min. Lesezeit
Letzte Woche am Freitagvormittag hat sich alles, was ich in den vergangenen sechs Monaten über neue Berufsbilder, mein eigenes Geschäft, mein Familienleben, über die sagenumwobene Transformation, den Umgang mit der KI – ja, darüber, wie wir uns als Menschen weiterentwickeln und wieder lernen, Menschen zu sein – auf einmal zusammengefügt. Ich hatte meinen sehr eigenen Heureka-Moment. Einen Moment, bei dem alles zusammenkommt, alles plötzlich Sinn ergibt und die Richtung klar vor einem liegt. So klar, dass ich keine Ruhe mehr finde und meine Gedanken um 4.30 Uhr morgens festhalten muss. Gedanken, die schneller aus meinem Kopf sprudeln, als ich sie mit meinem Zehnfingersystem eintippen kann.
Was da passiert ist, hat seinen Ursprung in einem Projekt, das ich seit gut einem Monat im Auftrag von Bregenz Tourismus und Stadtmarketing begleiten darf. Es geht darum, ein neues Kongressformat für Bregenz aufzubauen und im Markt zu etablieren. Und ich befinde mich gerade genau in jener Phase, in der es um die entscheidende Argumentationskette geht – gegenüber der Stadt, den Leistungsträgern vor Ort und den eigenen Eigentümergremien. Die zentrale Frage ist dabei so banal wie brutal: Was kostet das Ganze und was bringt es? Also das Geschäftsmodell dahinter.
Seit fast 20 Jahren treibt mich genau diese Frage um, denn anhand dieser Zahlen werden Entscheidungen getroffen. Und wie ihr wisst, gehört das Thema „besser entscheiden“ zu meinen Kernthemen. Genauso lange habe ich mich nach einem Tool gesehnt, das mir erlaubt, die verschiedenen Stellschrauben eines solchen Formats – Ticketpreise, Teilnehmerzahlen, Nächtigungsquoten, Sponsoringeinnahmen, Fördergelder, Locationkosten und vieles mehr – schnell anzupassen, Szenarien zu simulieren und Risiken sichtbar zu machen, um diese dann der Wertschöpfung für eine Stadt oder Region gegenüberzustellen. Ein Tool, das nicht nur rechnet, sondern Denken ermöglicht.
Und genau hier wurde es für mich als Selbstständiger spannend. Ich habe heute nicht mehr die Mittel, um lang angelegte Studien zu finanzieren oder teure Impact Calculatoren einzukaufen. Ich kenne diese Situation nur zu gut aus meinen früheren Rollen: Man steht da und weiss eigentlich genau, was es braucht, kann aber die relevanten Entscheidungsgrundlagen nicht liefern. Entsprechend gross war auch mein Respekt vor genau diesem Moment.
Geprägt durch den Workshop DECODING FUTURES mit Raphael Gielgen und durch die Gedanken von Wolf Lotter, der sagt, dass Maschinen dem Menschen dienen müssen und nicht umgekehrt, habe ich mir an diesem Freitagvormittag ein KI-Tool geschnappt und meine gesamte Erfahrung aus 20 Jahren in einen Prompt gepackt. Ich habe auf Enter gedrückt, mir noch einen Kaffee geholt und kurz aus dem Fenster geschaut.
Als ich zurückkam, ist mir der Laptop fast aus den Händen gefallen. Auf dem Bildschirm erschien genau jenes Tool, auf das ich so lange hingearbeitet habe. Komplexe Rechenmodelle, strategische Vorschläge, Optimierungen bei jeder Veränderung von Parametern, ein visuell aufbereitetes Dashboard – und mit zwei, drei zusätzlichen Prompts war daraus eine interaktive Applikation entstanden, die sich bereits auf etwa 60 Prozent Entwicklungsstand befand. Ich kann heute Szenarien durchspielen, Parameter verschieben, Risiken verstehen und Gespräche auf Augenhöhe führen. Erstellt von einer KI, gepromtet von einem Menschen. Von mir, dem occursus. Der ungefähr so viel von Programmieren versteht wie Max der Biber vom Fliegen. Heureka!
Was ich dabei gelernt habe, ist eigentlich der entscheidende Punkt. Diese Applikation ist nicht entstanden, weil ich weiss, wie das Tool funktioniert, sondern weil ich den Markt verstehe, Kontexte einordnen kann, politische Dynamiken kenne, ein Gespür für Entscheidungen habe und weiss, wann und wie ich Digitalisierung sinnvoll einsetzen kann. Genau darin liegt der Unterschied.
Und trotzdem ist das Problem damit noch lange nicht gelöst. Die Lösung ist zwar näher gerückt, aber die eigentliche Arbeit beginnt erst jetzt. Nicht beim Tool, nicht beim Dashboard, nicht bei der perfekten Modellierung – sondern danach. Dort, wo es darum geht, Entscheidungen zu treffen, Dinge umzusetzen und Verantwortung zu übernehmen. Genau dort liegen die ureigenen Fähigkeiten des Menschen. Keine KI dieser Welt nimmt uns das ab. Und genau dorthin sollten wir unsere Ressourcen lenken – nicht nur in die Entwicklung der nächsten Entscheidungsgrundlage, sondern in die Umsetzung dessen, was daraus entsteht.
Mir ist in diesem Moment auch klar geworden, wie sich mein eigener Job verändert hat. Ich kann heute mit voller Überzeugung sagen, womit ich mein Geld verdiene: Ich helfe Menschen, Probleme zu lösen, sie zu verstehen und in den richtigen Kontext zu setzen. Das ist genau das, was Wolfgang Bach als produktiv-kritisches Denken beschreibt.
Diese Erkenntnis geht aber weit über Business hinaus. Sie hat auch meine Sicht auf mein Familienleben, auf Bildung und auf die Zukunft meiner Kinder verändert. Sie müssen nicht lernen, wie man KI bedient, um am Arbeitsmarkt zu bestehen. Dieses viel zitierte Narrativ greift viel zu kurz und ist aus meiner Sicht völliger Quatsch. Viel wichtiger ist, dass wir wieder lernen, mit Menschen umzugehen, dass wir Kreativität zulassen und fördern. Wie es John Hattie sinngemäss beschreibt: Der Zweck von Schule ist nicht, Wissen zu vermitteln, sondern Menschen dabei zu helfen, zu lernen.
Gleichzeitig zeigt sich ein spannendes Paradox unserer Zeit. Wir investieren enorme Ressourcen, um KI zu trainieren – also um Maschinen lernen zu lassen – und vergessen dabei, selbst zu lernen. Genau hier sollten wir wieder ansetzen und Freude daran entwickeln, Dinge zu entdecken, neugierig zu sein und anders zu denken. Ein Beispiel, das mich in diesem Zusammenhang besonders beeindruckt, ist Nico Acampora mit seiner Restaurantkette PizzAut in Italien. Er stellt bewusst Menschen mit Autismus ein. Menschen, die anders denken, die echte Emotionen zeigen und Gästen ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Oder der Junge aus der Sendung Mona mittendrin von SRF – Bei Kindern in der Psychiatrie - , der der Moderatorin mit einer unglaublichen Herzlichkeit Kaffee serviert und damit etwas auslöst, das keine Maschine der Welt reproduzieren kann. Liebe und Verbundenheit.
Warum ich diesen Bogen so weit spanne? Weil mir dieser vermeintlich kleine Moment mit einer KI-Applikation etwas viel Grösseres sichtbar gemacht hat. Wofür es sich lohnt aufzustehen, zu kämpfen und sich einzusetzen. Wir leben in einer der spannendsten Zeiten überhaupt. Aber wir müssen die Möglichkeiten richtig deuten und dürfen nicht all jenen sozialen Vollpfosten Glauben schenken, die uns weis machen wollen, dass durch KI alles automatisch besser wird.
Am Ende bleibt eine einfache Erkenntnis: Es ist immer noch der Mensch, der die Dinge besser macht. Mit Empathie, Neugier, Wissensdurst und dem Willen, für andere da zu sein.
Ja, dieser Freitagvormittag hat bei mir etwas ausgelöst. Und er lässt mich heute mit einer enormen Zuversicht nach vorne blicken. Eine geile Zeit.




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